Sonntag, 7. Oktober 2018

Yellow

Natürlich fällt mir das kleine Igelchen sofort auf, das abends unter der Laterne vor dem Haus liegt.
Es ist deutlich kleiner als die anderen Igelkinder - und vor allem deutlich heller.
Wo kommt das denn her?
Vorsichtshalber gehe ich raus, um das Kleine zu wiegen. Denn ohne Gewicht kann ich nicht urteilen.
Die Waage zeigt zarte 256 Gramm an. Ein bisken wenig für Anfang Oktober.
Aber okay - das Wetter ist günstig, reichlich Futter ist vorhanden... erst mal beobachten.
Auch nach fünf Minuten Stillsitzen rennt das Kleine nicht davon. Da werde ich unruhiger.
Was stimmt da nicht?  Es läuft zwei, drei langsame Schritte, bleibt wieder liegen.
Ich gehe noch einmal hinaus, diesmal gleich noch mit Jacutin und Küchenkrepp. Da flitzen tatsächlich viele kleine dunkle Punkte zwischen den hellen Stacheln umher. ;-)
Also besprühe ich das Küchenkrepp und wickele das Igelchen darin ein, Köpfchen draußen natürlich.
Es wehrt sich nicht, kommt mir apathisch vor. Ich sehe ein zugeschwollenes, tränendes Auge.
Das hätte ich gleich sehen sollen!
Ich nehme es mit rein, bastele ein kuscheliges Nest aus Zeitung und viel Küchenkrepp, lege eine Wärmflasche dazu. Stelle Futter und Wasser hin. Über eine Stunde bleibt es erstmal unbeweglich liegen.
Dann frisst es immerhin.
Irgendetwas mit dem Igelchen stimmt ganz und gar nicht...
Yellow ;-)

Ich bemerke, dass es nicht auf meine Stimme reagiert. Dabei stellen sich normalerweise bei jedem Igel die Stacheln auf, wenn der schlimmste Feind spricht. ;-)
Ich schalte die Taschenlampe an - keine Reaktion. Ich klatsche in die Hände - keine Reaktion.
Das Igelchen muss taub sein!
Der Schreck sitzt tief.
Was ist dem Tierchen Schlimmes widerfahren?
Ein Autounfall..... Oder ein Sturz.... Innere Verletzungen?
Ein tauber Igel ist nicht lebensfähig.....
Ich bin erleichtert, dass das Igelchen am nächsten Morgen noch lebt.
Das Futter ist alle - ein gutes Zeichen.
Aber das Kleine liegt nun viel auf der Seite. Ein ganz schlechtes Omen.
Beim Wiegen stelle ich fest, dass es gut zugenommen hat und dass es ein kleines Mädchen ist, mit einer rosa Nase. Die irgendwie schief sitzt..... Merkwürdig.
Die gelben Stacheln machen einen Namen einfach - ich nenne die Kleine YELLOW. ;-)
Apathisch lässt sie die Untersuchung beim Tierarzt über sich ergehen, bekommt Antibiotkum, Vitamine, Elektrolyte.
Ich habe bereits den Gedanken an Erlösung, aber da sie frisst, heißt es abwarten.
Vielleicht hat sie eine Entzündung und die Taubheit ist nur vorübergehend....
Über gehörlose Igel finde ich nichts im Pro-Igel- Ratgeber für Tierärzte.
In ihr Nest mag Yellow nicht zurückkehren. Schafft sie es nicht mehr? Sie bleibt da liegen, wo ich sie behutsam absetze. Macht ein, zwei kriechende Schritte. Schafft es bis vor ihr Häuschen.
Nie und nimmer kann dieses Igelkind größere Strecken zurückgelegt haben.
Jemand, der weiß, dass ich mich um Igel kümmere, muss es vor meinem Haus abgesetzt haben.
Wäre ja nicht das erste Mal.
Vor lauter Wut über solche verantwortungslosen, unehrlichen und herzlosen Menschen wird mir ganz übel. Vermutlich behaupten sie noch von sich, tierlieb zu sein.
Als die Übelkeit nachlässt, schaue ich nach Yellow.
Sie liegt vor ihrem Häuschen, auf der Seite.
In einer großen Blutlache. Tot.
Gezeichnet - die kleine Yellow...






Montag, 1. Oktober 2018

Willkommen, Oktober!

Als der Sommer zu Ende geht, bleibt genau eine Woche bis Oktober!
Und jetzt, wo mindestens fünf Igelkinder durch Igelanien streifen, regnet es und heftiger Wind treibt raschelndes Laub vor sich her. Die Temperaturen stürzen in den Keller - nachts wird es empfindlich kalt. Sogar bis auf null Grad Celsius fällt die Temperatur ein paar mal - das gibt kalte Igelfüßlein!
Vier verschiedene Futterstellen biete ich an, und nun, da die Kinder heranwachsen, werden auch die typischen Igel-Schweinerein mehr und mehr. *g*
So "freut" sich das Personal mittlerweile täglich über all die Hinterlassenschaften, die nur ein Igel hinterlassen kann. Ihr wisst, was ich meine. ;-)
Die hübsche Lotta sehe und höre ich nicht mehr, schade. Lina? Lana? Lancelot? Lenny? Lino?
Haben sie den extremen Sommer überstanden?
Und was für ein sehr helles, sehr kleines Stachelwesen sitzt da unter der Laterne?








Dienstag, 25. September 2018

Wer hustet denn da?

Eine letzte, wunderbar milde Nacht bekommen wir vom Rekord- Sommer noch geschenkt, bevor das Wetter komplett umschlägt.
Es ist schon nach Mitternacht - das Futterschälchen am Haselnuss-Strauch ist längst leer gefressen - als ich es husten höre. Schnell schaue ich aus dem Fenster, und tatsächlich sehe ich im Schein der Taschenlampe ein Igelkind auf der strohgelben Wiese sitzen und husten. Das ist meine Chance!
In Windeseile stelle ich Waage, Farbe und Flohspray bereit und eile hinaus.
Dieses Igelkind muss ganz besonders beobachtet werden, um im Fall der Fälle helfen zu können.
Solange es nur ab und an mal hustet, gut frisst und ausschließlich nachts aktiv ist, besteht keine Gefahr.
Es ist windstill - ein wichtiger Vorteil beim Anschleichen. ;-)
Bloß nicht auf das Raschel-Laub treten....
Bevor das Kleine flüchten kann, sitzt es bereits auf der Waage. 480 Gramm wiegt es - prima!!!
Ich sehe keine Parasiten, es ist gut beisammen. Schnell markiere ich die Stacheln hinter dem Kopf mit der immer noch vorhandenen himmelblauen Farbe, kann entdecken, dass es ein Junge ist und setze diesen dann behutsam unter dem Ginster-Busch ab.
Das raschelnde Laub verrät mir einen weiteren Igel irgendwo links neben mir.
Und siehe da - noch ein Kleines!
Das findet es natürlich total doof, auf die Waage zu müssen und stachelt mir tapfer entgegen! ;-)
438 Gramm wiegt es, bekommt einen himmelblauen Farbtupfer hinten auf die Stacheln.
Und auch dieses Kleine ist ein Junge, der in Sekundenschnelle verschwunden ist.
Aus dem Igelhaus heraus höre ich ein weiteres Husten. Hm. Nicht so schön. Aber immerhin weiß ich, dass alle drei Igelkinder hier sind und sich somit satt fressen können.
Zufrieden, dass ich die Igel wiedererkennen kann, kehre ich ins Haus zurück.
Direkt an der Kellertreppe sehe ich einen auffälligen kleinen runden Schatten - da sitzt noch ein Igelkind!
Ehe es sich versieht, muss auch dieses auf die Waage:
380 Gramm wiegt es und ist  - ein Junge! *g*
Und was für ein stacheliger!!!!
Der niedliche Kleine bekommt einen himmelblauen Strich auf die Stacheln und bleibt verdutzt sitzen, während ich meine stumme Aktion beende.
Inzwischen ist es 1 Uhr nachts, und noch immer zeigt das Thermometer über 20 Grad Celsius an.
Ach, könnte es doch nur für die Igelkinder so mild bleiben....
Ich bin beruhigt, dass die Jungs alle ein gutes Gewicht haben für Ende September.
Fortan werde ich das Kleinste immer als das erste am Futterschälchen erkennen können, und ich entdecke zwei weitere, unmarkierte Igelchen......
Igelkind 4 ;-)

Igelkind 5 ;-)

Jetzt weiß ich, wer als erster am Fressen ist. ;-)


Montag, 24. September 2018

Igel gefunden - was nun?

Aus gegebenem Anlass:
Was, wenn man tagsüber ein Igelkind entdeckt?
Ruhe bewahren. ;-)
Zunächst still beobachten: Läuft es umher? Wirkt es mobil? Hat es die Augen offen?
Wo eins ist, sind meistens noch mehr. Im Schnitt 5 Junge pro Wurf.
Ist ein erwachsenes Tier in der Nähe?
Es kommt durchaus vor, dass die Kleinen vor lauter Hunger loslaufen.
Das kann vor allem in diesem Jahr passieren, denn die Mütter finden durch die Trockenheit nicht ausreichend Nahrung.
Die Kleinen sollten nicht vorschnell und unüberlegt aufgenommen werden - die bessere Wahl ist immer eine  Zufütterung mit Katzenfutter.
Was aber, wenn es Winzlinge sind oder apathische Kleine, die nur liegen, womöglich auf der Seite?
Auch hier kann ein Muttertier in der Nähe sein - manchmal fühlen sich Igelmütter gestört und transpotieren ihre Jungen in ein anderes Nest.
Manchmal ist aber längere Zeit kein Muttertier in der Nähe auszumachen. Dann besteht für die Kleinen Lebensgefahr.
ABER:
BEVOR!!!!!! man ein Kleines hoch nimmt, muss  klar sein, dass man es nicht einfach irgendwo abgeben kann! 
Igelstationen und sachkundige Igelschützer sind bereits komplett ausgelastet und an der Grenze des Machbaren. Zudem ist Igelhilfe immer !!! privat zu finanzieren - es ist also gar nicht möglich, unbegrenzt Igelkinder aufnehmen zu können.
Es bleibt nur, den Findling selbst zu pflegen - unter Hilfestellung natürlich. ;-)
Bei www.pro-igel.de finden sich wertvolle Tipps und Anleitungen.
Das Wichtigste ist immer : WÄRME!
Igelkinder können keine Wärme speichern und brauchen dringend ein warmes Nest, am besten mit einer Wärmflasche.
Kein Heu oder Stroh, sondern Papier, Küchenkrepp, ein altes Handtuch.
Niemals dürfen die Kleinen sofort entwurmt werden - das kann tödlich enden.
Und die Flöhe? ;-)
Inzwischen weiß man, dass Frontline Igel töten kann. Wenn überhaupt, dann ist nur Jacutin-Spray mild genug, dass es vertragen wird. Dazu wird ein Küchenkrepptuch eingesprüht und das Kleine darin eingewickelt - Köpfchen raus! Nach einer Weile springt nichts mehr. ;-)
Fortsetzung folgt.....